3,14D-Lyrik

Lyrik hat unabzählbar viele Dimensionen

Im Universum ist alles poly- undoder multidimensional. Alles, was sich 'im Universum' befindet, hat Teil daran. Das wird meistens vereinfachend ignoriert. Das liegt am alltäglichen oberflächlichen Umgang mit dem Begriff der Dimension. Beispielsweise behaupten manche Menschen, Text sei linear, also eindimensional. Diese Auffassung lässt sich in einer Bibliothek schnell widerlegen.

Vor gut vierzig Jahren lockerte sich der Dimensionsbegriff krass auf. Benoît Mandelbrot* etablierte die fraktale Geometrie. Die Entdeckung, dass einerseits zwei und andererseits drei Dimensionen auch Gebilde von einer zweidritteligen oder in irgendeiner anderen Art gebrochene Dimensionalitäten zeitigen, überraschte.

Dimensionalität nach Stenkamp

Mathematisch wird Dimensionalität häufig nach der Definition von Felix Hausdorff** bestimmt, die mit 'echten Überdeckungen' argumentiert. 

Das hat was, wir argumentieren alternativ dazu: Dimensionen das sind, was sich wiederholen lässt! 

Ob sich das Universum selbst dimensionieren lässt, wird zurzeit mit der Frage, 'Was war vor dem Urknall?', diskutiert. Wiederholbarkeit ist dabei ein teilweise unscharfes Konzept. Das liegt daran, dass es eine Frage der Identifikation ist, keine Frage der Identität. Veranschaulichen wir das mal am Konzept des 'eindimensionalen Menschen' von Herbert Marcuse.*** 

So wie Marcuse das Menschsein in modernen Industriegesellschaften versteht, wird es in gewisser Weise um den Konsum herum uniformiert. Natürlich wissen wir, dass jeder Mensch, egal wie angepasst er oder sie lebt, über individuelle Fingerabdrücke unterscheidbar sind. Diese Individualisierung lässt sich weiter treiben. Aus individueller Sicht folgt daraus, dass sich Individuen gar nicht wiederholen wollen oder müssen. Daraus resultiert dann ein unstillbarer Hunger nach immer Neuem. Äußerlich betrachtet, lassen sich die jeweiligen Individualitäten ignorieren. Das ermöglicht es, den Subjekten manche Dimensionen überstülpen oder verweigern zu können. Gleichzeitig können Individuen unter gewissen Voraussetzungen in bestimmte Dimensionen schlüpfen oder das Hineinschlüpfen verweigern. 

Unter diesen Voraussetzungen wollten und wollen wir die Lyrik weiterentwickeln. Gleichzeitig stehen wir vor dem Phänomen massenweise textproduzierender künstlicher Intelligenzen. Das motivierte uns, einfach mal mehrdimensionale Lyrik zu entwickeln. Aber 'mehrdimensional' klingt irgendwie belanglos. So kamen wir darauf, sie 3,14D-Lyrik zu nennen. [Drei Komma Eins Vier, das sind die ersten Ziffern von ∏ (Pi).] Denn es handelt sich wohl um die bekannteste unendliche und transzendentale Zahl, die sich im Sprachgebrauch sogar mit einem Daumen multiplizieren lässt  :-)

Worum es sich dabei konkret handelt, zeigen wir auf den anschließenden Unterseiten:


* Mandelbrot, Benoît, 1987, Die fraktale Geometrie der Natur, Basel, Boston
** Hausdorff, Felix, https://de.wikipedia.org/wiki/Hausdorff-Dimension
*** Marcuse, Herbert, 1979, Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Übersetzt von Alfred Schmidt. Neuwied