Existenzaussagen
Die gedankliche Faktizität analytischer Unterscheidungen
setzt Grenzen. Deren Überwindung, Überschreitung, Untertunnelung ist Künstlerinnen und Künstlern aufgegeben. George Steiner widmet bald 300 Seiten dem Dichter und von ihm so charakterisierten Cartesianer Durs Grünbein*. Es mag am knappkurzen “Cogito, ergo sum” liegen, dass sich schon viele Lyriker mit diesem Diktum von René Descartes beschäftigten.
Die Auseinandersetzung damit wird wohl erst mit dem Ende menschlichen Denkens aufhören. Denn, was als Feststellung wie eine Lösung daherkommen wollte, ist tatsächlich thematische Eröffnung.
Stücke wie Becketts Endspiel mögen ein offener Ausgang davon sein, jedoch nur einer von vielen.
Lyrik handelt dagegen letztlich irgendwie immer von Liebe; deshalb wird Descartes argumentative Figur hier auf ein lyrisches ‘Selfie’ übertragen.
Existenzaussagen
Ich liebe, also bin ich
so einsichtig, so klar.
Das ist noch kein Beweis für dich,
auch das ist richtig und wahr.
So lieb ich weiter mich
und geb' mir noch ein Jahr.
Stenkamp #
* George Steiner, 2006, Warum Denken traurig macht. Zehn (mögliche) Gründe. Aus dem Englischen von Nicolaus Bornhorn. Mit einem Nachwort von Durs Grünbein, Frankfurt/M., ISBN: 978-3-518-41841-3
