Labor-Archiv
Es war einmal ...
Hier dokumentieren wir frühere Labor-Einrichtungen.
Der Vorläufer des aktuellen Lyrik-Lab Ruhrgebiet präsentierte sich ungefähr mit folgendem Auftakt:
Für Einsatz, Erfindungsgeist wie auch Übung ist die bevölkerungsreichste Region Deutschlands, das Ruhrgebiet, bekannt. Ebenso bekannt ist der gravierende Wandel, den diese Region weiterhin erfährt und erlebt. Das übertrug entsprechende Impulse auch an die Lyrik.
Immer noch gilt, insbesondere hier im Pott, Gottfried Benns Bemerkung: “Ein Gedicht entsteht überhaupt sehr selten - ein Gedicht wird gemacht” [Benn, 2003, 1059]
Das Graben nach geeigneten, energiegeladenen Begriffen in den Schichten, Massiven und Verwerfungen der vielen hier gesprochenen und sich überlagernden Sprachen ebenso wie die Herstellung brauchbarer Legierungen, Werkzeuge und Werkstoffe sind Kunstfertigkeiten, die heute wie früher zur Gewinnung von Gedichten erforderlich sind. Dabei verstehen wir uns als Handwerker und überlassen die massenweise Industrieproduktion den KI-AnwederInnen.
Heutige LyrikerInnen können nicht mehr dichten wie frühere, (wie sie in den letzten 25 Jahren in NRW gedichtet haben >>>); denn deren Dichtungen gibt es ja schon und somit wären es nur weitere Aufgüsse.
Das war schon immer so. Selbst das erste aufgeschriebene Gedicht hatte Vorläufer. Wer also dichtet, dichtet vor dem Hintergrund alles je poetisch Hervorgebrachten. Das ist ein ungeheuer tiefer und starker Quell, mit unüberschaubar vielen quantenmechanischen Verschränkungen.
Zu behaupten, die dadurch gespeisten Ozeane können nichts Neues bieten, mag den Freudlosen überlassen bleiben. Doch wer schwimmen will, steigt selten in die Quelle.
Quantentheoretisch hieße Dichten, Verschränkungen nutzen und weitere zu erzeugen, anzuregen. Das gelingt bisher nur in hochenergetischen Prozess-Räumen. In der Poesie gehören dazu vornehmlich die lyrischen Kammern medialer Beschleuniger.
Jeder lyrische Prozess-Raum signiert seine Verschränkungen dabei in charakteristischer Weise; deshalb ist es wichtig zu wissen, wo die Verschränkung stattfand, woher also das Gedicht kommt, einerseits. Andererseits bedeutet Verschränkung, dass Veränderungen auf der einen Seite unmittelbar zu inversen Veränderungen auf der anderen führen.
Das als instantane Wechselwirkung zu bedenken, zu verstehen ist schwierig.
Willkommen in unserem Lyrik-Lab des Ruhrgebiets!
* So lautet der Titel einer von Hans Bender herausgegebenen Sammlung poetologischer Positionen Gedichte schreibender Autorinnen und Autoren: Mein Gedicht ist mein Messer.
(Bender, Hans, (Hg.), 1955, Mein Gedicht ist mein Messer. Lyriker zu ihren Gedichten, Heidelberg)
